Dem Trend folgend, dass die Abkürzung „3.0“ gerade sämtliche Tech-Debatten bestimmt, auch hier ein paar weitere Gedanken über die möglichen Auswirkungen eines dezentralisierten Internets.
Also hin zum Web3. Ein technologisches und gedankliches Konstrukt, das für die Fans bereits heute der heilige Gral einer besseren Zukunft ist und Gegner auf die Barrikaden zwingt.
Dieser Diskurs ist wertvoll. Schließlich ebnet er den Weg für die nächste Welle technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen in unserer Welt, die wir gemeinsam formen dürfen. Zumindest ein Ansatz die viel zitierte und so wertvolle Diskussionskultur wieder aufleben zu lassen?
Mal ein etwas anderer Blickwinkel auf die Entwicklungen in dem Bereich:
Denn neben der technologischen Perspektive, scheinen vorallem die Ideale, die mit dem Web3 assoziiert werden, eine starke Anziehungskraft zu erzeugen. Wir sprechen von Dezentralisierung, Partizipation, Eigenverantwortung. Exakt das Gegenteil der so häufig kritisierten Probleme des Internets. Ich erinnere mich beispielsweise an die ausgeprägte Datenschutzdebatte Facebooks und die bis heute anhaltende Besteuerungsproblematik amerikanischer Konzerne in Europa. Probleme, die das Web3 revolutionieren könnte.
Hinzu kommt eine verstärkende, gesellschaftliche Strömung: Analog zu den genannten Idealen liegt es in der Natur der Generationendebatte, dass junge Generationen bewusst oder unbewusst die Errungenschaften & Institutionen älterer Generationen einreißen wollen. Wem kann man es schließlich verübeln sich selbst zu verwirklichen? Zumindest solange dies kein blinder Trotz, sondern konstruktive Weiterentwicklung ist.
Nicht zuletzt wird das auf unser tägliches Arbeitsleben abfärben bzw. tut es das längst.
Wir kennen Diskussionen um den Trendbegriff „New Work“. Das gedankliche Konstrukt einer neuen Arbeit verspricht die autoritären und hierarchischen Menchanismen herkömmlicher Organisationen aufzubrechen. Wir reden von agilen Prozessen, partizipativen Zielsystemen, flachen Hierarchien, offener Kommunikation. Diese Entwicklung zu fördern ist, einhergehend mit der Generationendebatte, längst überfällig. Doch denken wir noch einen Schritt weiter:
Denn folgt man der Web3-Bewegung, scheint die „normale“ Anstellung in großen Organisationen schon heute nicht mehr zeitgemäß. Wird es Zeit für etwas Neues?
Vielleicht. Was sich zumindest heute schon abzeichnet, sind die vermeintlichen Schwächen gewachsener traditioneller Organisationen aus der Sicht jüngerer Generationen:
Eine wichtige Anmerkung: Diese Veränderungen sind wertungsfrei. Die gegenwärtigen Organisationsformen haben uns wirtschaftlichen Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität ermöglicht. Es wäre fatal diese Errungenschaften gänzlich einzureißen.
Alle aktuellen Debatten um New Work finden in diesem Mindset ihren Ursprung.
Sie sind wichtig und richtig. Aber sie basieren alle noch auf dem veralteten, gedanklichen Modell einer zentralisierten Organisation. Es passiert quasi das Tuning eines veralteten Modells.
Also ist die Lösung nun abreißen und neu machen?
Wohl kaum. Doch wie kann ein neues disruptiv neues Modell aussehen?
Web3 Verfechter sprechen von DAOs – Decentralized Autonomous Organisations.
Ein DAO ist eine digitale Organisationsform, dessen Kernfunktionen automatisch über Smart Contracts auf der Blockchain abgebildet werden. Tätigkeiten, die nicht automatisiert werden können, werden im Rahmen des Modells durch Menschen durchgeführt. In der Praxis sind nicht alle DAOs dezentral oder autonom, deshalb dient eine Definition als Internet-basierte Organisation, die dem Kollektiv gehört und von den Mitgliedern kontrolliert wird.
Zuletzt hat bspw. der LinksDAO für Aufmerksamkeit gesorgt. Eine dezentrale Organisation, die das Ziel hat einen globalen Top100-Golfplatz zu kaufen und zu führen.
Wenig überraschend lösen DAOs die Schwächen gegenwärtiger Organisationsformen:
Ich bin überzeugt, dass sich die Arbeitswelt durch diese Innovation massiv verändern kann. Denn DAOs sind mehr als ein „cooler Hype“. Die durch die Tokenomics geschaffene Ökonomie öffnet radikal neue Möglichkeiten. Denn so kann nicht mehr nur über das klassische „Work to earn“ zur Wertschöpfung beigetragen werden.
Ein Beispiel: „Learn to earn“ – Ein neu geschaffenes Modell der Monetarisierung, das Akteure für gewonnen Erkenntnisse belohnt, die im Rahmen des DAO eingebracht werden. Dies funktioniert, wenn Fähigkeiten, Netzwerke oder Wissen einer Person Mehrwert für ein Netzwerk bieten, das vorher festgelegt hat dieses zu belohnen.
Was wir heute auch schon vermehrt sehen sind P2E (Play-2-earn) Modelle: Axie Infinity, Sorare und Co. sind heute teilweise schon Lebensgrundlage in Regionen wie den Philippinen.
Durch diese Modelle verschwimmt das klassische Anstellungsverhältnis. In fluiden, flexiblen Organisationen, die der Erreichung eines bestimmten Zwecks dienen, ist es egal, ob jemand angestellt, beauftragt oder selbstständig ist. Die Tokenomics simplifizieren die Incentivierung und Involvierung sämtlicher Akteure und sind mögliches Fundament nahezu unendlicher Flexibilisierung.
Ja, diese Dinge sind heute noch Zukunftsmusik. Und vielleicht sind die „so-called“ Schwächen gegenwärtiger Organisationen gar keine. Fakt ist: Die Gefahr, dass sie zu welchen werden, weil finanzielle, ökonomische und gesellschaftliche Strömungen dies begünstigen, ist enorm hoch. Auch wenn dies am Ende nicht DAO heißt.
Es wäre einen Versuch wert.
Photo by Nastya Dulhiier // Unsplash
